60 Jahre SV Berolina Mitte BSV
29.12.2009 - 19:30
Ein Jahr neigt sich dem Ende entgegen, ein Jahr in dem wir unser 60jähriges Jubiläum verschlafen haben. Aber das ist nicht so schlimm. Traditionspflege war in der DDR noch nie eine Stärke und schon garnicht, wenn die Traditionen bis vor die Staatsgründung am 7. Oktober 1949 reichten. Im Speziellen wurden Traditionen auch schon bei Berolina nicht so gepflegt. Unser Vorsitzender Werner Windmüller hielt nur das für ihn Wichtige fest, z.B. Ergebnisse aus der BMM oder von den Freundschaftsvergleichen mit Lok Brandenburg. Vereinsturniere gerieten dagegen schnell in Vergessenheit. Tabellen wanderten schon nach kurzer Zeit in den Altpapiercontainer.
Zurück zum Jubiläum. 60 Jahre alt wurde unser Verein 2009 - jedenfalls nach bisheriger Datenlage. Auch wenn ich diese Daten gerade nicht zur Hand habe, möchte ich kurz unsere Geschichte Revue passieren lassen.
Am Anfang stand eine Schachgruppe, die sich nach dem Stadtbezirk Prenzlauer Berg benannte. Es war eine von vielen Schachgruppen in Berlin, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 entstanden. Vereine waren von den vier Siegermächten UdSSR, Frankreich, Großbritannien und USA verboten worden. Erst nach und nach erhielten die Vereine wieder ihre Zulassung, wobei die entstandenen Schachgruppen häufig ihre Vereinsvorgeschichte fortsetzten. Das war im Westteil der Stadt einfacher als im Ostteil, wo es keine privaten Vereine geben durfte. Aus diesem Grund ist es auch schwierig, für unseren Verein einen Vorgängerverein zu finden - wenn es ihn überhaupt gab. Klar ist nur, das die Schachgruppe Prenzlauer Berg am 1. April 1949 einer Sportgemeinschaft beitrat, die kurze Zeit später als ZSG Werner Seelenbinder bekannt wurde.
Die Schachgruppe Prenzlauer Berg gehörte nach dem Krieg und bis Mitte der 1950er Jahre (unter dem neuen Namen) zu den stärksten Schachklubs Deutschlands. Dabei hatte unser Klub nur einen Spieler von internationalem Rang in seinen Reihen: Berthold Koch. Alle anderen Namen verblassen angesichts so einer Koryphäe. Oder wer kennt heute noch Max Hopp, Eugen Natzmer, Leonhard Westphal, Hans-Jürgen Stieg oder Dieter Brüntrup? Dabei schaffte es Brüntrup sogar bis zum DDR-Nationalkader. Einer Berufung in die Auswahlmannschaft stand wohl nur sein Lebenswandel entgegen, der nicht immer konform mit dem war, was der sozialistische Staat von seinen Bürgern erwartete.
In den 1950er Jahren zählte die jetzt bei der BSG Motor Mitte angesiedelte Schachabteilung immer noch zum Besten was das DDR-Schach zu bieten hatte. In der DDR-Mannschaftsmeisterschaft reichte es bis zum Silberplatz. Zeitweise waren bis zu sieben Mannschaften im Spielbetrieb. Eine Zahl, die wir erst nach 2000 wieder erreichten - wenngleich auch auf viel niedrigerem Niveau.
Der Niedergang setzte noch in den 1950er Jahren ein. Das der Amtsantritt von Werner Windmüller als Abteilungsleiter und die Abdelegierung der Leistungsträger zum SC Motor Berlin und anderen hochgezüchteten Sportklubs nahezu zusammenfielen, war sicher nur Zufall. Der Verein, der sich jetzt BSG Motor Berolina nannte, verschwand nach wenigen Jahren in den Niederungen des Bezirks Berlin. Daran konnte auch Werner wenig ändern, zumal er auch immer wieder betonte, das ihm der Volkssport näher als der Leistungssport steht.
In den 1960er und 1970er Jahren gab es mit Dieter Heinrich, Hugo Gehm und Werner Krummhauer nur noch drei Protagonisten aus der goldenen Ära. Durch gelegentliche spielstarke Zugänge - z.B. Joachim Klemp, Peter Wünsche und Matthias Knybba von der aufgelösten BSG Rotation Prenzlauer Berg - konnte sich Berolina immer in den höchsten beiden Ost-Berliner Spielklassen halten.
Der Aufschwung kam - seltsamerweise - nach der Wende 1989/90. Während andere Ost-Berliner Schachvereine um ihre Existenz kämpften, bekam Berolina sogar noch Mitgliederzuwachs. Der inzwischen in SV Berolina Mitte umbenannte Verein schluckte z.B. einen Teil der Mitglieder der BSG Post Berlin. Einige Namen: Alfred und Andreas Barwich, Gerd Schönfeld, Peter Hintze. Dazu kamen später weitere Spieler, die sich privat im boomenden Prenzlauer Berg niedergelassen hatte, darunter auch Spieler aus der ehemaligen BRD. Zur Zeit gehören rund 70 Schachspieler dem SV Berolina Mitte an, der seit 2004 ein eigenständiger Schachverein ist.
Im nächsten Jahr feiert unser Vorsitzender Werner Windmüller seinen 80. Geburtstag. Den Vorsitz hat er dann seit 55 Jahren ununterbrochen inne. Solange, wie in Deutschland kein anderer Vorsitzender eines Schachvereins! Man kann sagen, Werner ist mit dem Verein verheiratet. Das diese Hochzeit noch weitere Jahrzehnte dauern wird, ist zu bezweifeln - schon aus Altersgründen. Der "Ehevertrag" kann nur noch jährlich verlängert werden. Nachfolger stehen allerdings noch nicht bereit. Wahrscheinlich sind Werner's Fußstapfen zu groß...
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